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Auszug aus

rudi zimmerman

Philosophie lebender Systeme

 

Die Verhaltenssteuerung des lebenden Systems Mensch

Der Mensch (das Kind) ist nun zusätzlich angeborener weise mit einer Schmerzempfindung bei Verletzung der körperlichen Unversehrtheit ausgestattet. Da Schmerz normalerweise als unangenehm empfunden wird, versucht das Kind, ihn zu vermeiden. In Vorwegnahme der Schmerzempfindung - zum Zwecke der Schmerzvermeidung bzw. der Vermeidung körperlicher Verletzung oder des Todes - ist der Mensch (eben auch der Säugling) mit einem Angstreflex ausgestattet. Das, was gefährlich werden kann, was einem Schmerzen bereiten, einem Verletzungen zufügen oder einen töten kann, wird durch diesen Angstreflex vermieden.

Zur Identität gehört also offensichtlich auch ein Schmerzgefühl bei Verletzung der körperlichen Integrität des lebenden Systems und ein Angstgefühl als Warnsignal vor der drohenden Verletzung.

Der Stärkere engt den Greifimpuls des schwächeren Kindes ein, indem es ihm nicht nur Sachen wieder entreißt, sondern dabei auch körperliche Gewalt anwendet, schlägt, auch droht. Das kleinere Kind errichtet also infolge dieser Gewaltanwendung der Stärkeren ein Über-Ich, ein Gewissen, eine Instanz, die ihm möglichst schon vor Eintritt des Angstgefühls signalisiert, was es (oder wann es) ungestraft greifen darf und was nicht (bzw. wann nicht).

Die anderen Personen, die Stärkeren, diejenigen, die seine Selbstentfaltung dadurch einschränken, dass sie ihm etwas wegnehmen und dabei Gewalt anwenden, sind die Bösen. Es wird also bereits in Zusammenhang mit der Reifung des Greifens ein Begriff von Ich, von Eigentum und von Böse mit Inhalten gefüllt, eine Gewissens-Instanz errichtet, die Verbote verinnerlicht und damit zur Angstvermeidung beiträgt.

Erforderliche Voraussetzungen sind:
·  ein Begriff von Ich (Selbst) und Fremd mit dem entsprechenden Unterscheidungsvermögen, für das die Verfügungsgewalt ein entscheidendes Kriterium ist.
· Die Möglichkeit der Schmerzempfindung bei Störung der körperlichen Integrität.
· Die Möglichkeit der Angstempfindung als Warnsignal vor Schmerz.
· Die Möglichkeit der Informationsspeicherung (Erinnerungsvermögen).
· Grundvoraussetzung ist natürlich ein Wahrnehmungsvermögen für Sachen   und Gefühle,
· wobei für die Wahrnehmung von Sachen ein Raumbegriff
· und für die Wahrnehmung von Bewegung (Entwicklung der Motorik) und   Befriedigung ein Zeitbegriff erforderliche Voraussetzungen sind.

Werden Selbstentfaltungsprogramme unterbrochen oder führen sie nicht zum Ziel, wird seelischer Schmerz, Trauer, Verzweiflung usw. empfunden.

Wird die körperliche Integrität verletzt durch einen Unfall oder einen Eingriff in die körperliche Unversehrtheit, wird Schmerz, körperlicher Schmerz empfunden.

Wird in einer Situation aufgrund von Erfahrung Schmerz (körperlicher oder seelischer Schmerz) erwartet, entsteht Angst. Furcht vor Schmerz (Angst) führt zur Hemmung der Ausführung von Verhaltensprogrammen. Das Erleben von Angst ist das bewusst erlebte Signal für die Bedrohung der körperlichen Unversehrtheit und den Stop derartiger Verhaltensprogramme.

Es ist also für die Selbstentfaltung der Identität und das damit verbundene Zufriedenheitsgefühl äußerst wichtig, bewusste Gefühle auch genau und differenziert wahrzunehmen. Sie melden dem bewussten Seelenleben, ob das Individuum auf dem richtigen Weg zur Selbstentfaltung und Selbsterhaltung ist. Sie sind die Landkarte und der Kompass, sie orientieren das Individuum.

Da sich Handlungsprogramme auch gegenseitig neutralisieren können, ergibt sich eine objektive Entscheidungsfreiheit. Grundsätzlich stimme ich E. v. Hartmann zu, der sagt, der Wille sei nichts weiter wie die Resultante aller gleichzeitigen Begehrungen (v. Hartmann, 1873, S.347).

Die Identität äußert sich in einem Willen. Dies ist der Wille zu überleben und sich zu entfalten, sich zu verwirklichen.

"Aggression" ist nichts weiter als das Streben nach Vergrößerung des "Ichs", des "Eigentums", aus der Sicht derjenigen, die durch meine Ausbreitung in ihrer Verfügungsgewalt beeinträchtigt werden. Für mich (für den Handelnden) ist diese Art der "Aggression" deshalb auch stets "Gut". Aus der Sicht des darunter Leidenden natürlich "Böse". Handlungen, die das Eigentum vergrößern, befriedigen gleichzeitig narzisstische und aggressive Wünsche.

Der Begriff Narzissmus wurde von Freud eingeführt als Terminus für die Besetzung des Ichs mit Libido, also im Sinne der Selbstliebe, der Verliebtheit ins Ich. Er wurde als Bezeichnung für einen Trieb konzipiert, der das eigene Selbst als Objekt hat.

Inzwischen haben die Vertreter der diversen psychoanalytischen Theorien und Schulen zwar davon Abstand genommen, Narzissmus als Trieb zu denken, eine einheitliche Narzissmustheorie kann die Psychoanalyse als Theorie jedoch nicht anbieten.

Das liegt u.a. an der Beschränkung der psychoanalytischen Praxis auf die Behandlung neurotischer Störungen. Die Beseitigung oder Besserung neurotischer Symptomatik wird von den Krankenkassen bezahlt, während für die Entwicklung der Theoriebildung kein Geld vorhanden ist. Auch das Verhalten der Psychoanalytiker wird über finanzielle Zuwendung gesteuert.

Ursprünglich stellte Freud den Sexualtrieb den Selbsterhaltungstrieben gegenüber. Ich möchte vorschlagen, bezüglich der Selbsterhaltung und der Selbstentfaltung nicht den Begriff "Trieb" zu verwenden. Es handelt sich um Verhaltensprogramme, die das Verhalten lebender Systeme steuern und die beim Menschen praktisch auf Zielvorgaben reduziert sind, wodurch menschliches Verhalten einen sehr hohen Freiheitsgrad erhält. Dies haben wir der Entwicklung des Gehirns zu verdanken, das uns in die Lage versetzt, innerhalb kurzer Zeit auf neue Umweltreize zu reagieren und das uns unabhängig macht von angeborenen Verhaltensprogrammen, die noch im Tierreich vorherrschen (Instinktverhalten).

Die Fähigkeit, Informationen aus der Umwelt herauszufiltern, die für die Selbsterhaltung und Selbstentfaltung wichtig sind, wird in der Psychiatrie Wahrnehmung genannt. Wahrnehmung beschränkt sich jedoch nicht darauf, bestimmte Qualitäten von Objekten zu erkennen (Form, Farbe, Geruch usw.), sondern vermittelt gleichzeitig auch eine Bewertung. Es wird etwas als schön empfunden, anderes als hässlich. Wahrnehmung kann also Gefühle hervorrufen. Diese Gefühle sind Informationen darüber, ob und inwiefern das registrierte Objekt für die Selbsterhaltung oder die Selbstentfaltung des Organismus (des lebenden Systems, des Menschen) nützlich oder schädlich ist.

Es wird nicht alles wahrgenommen, sondern nur ein Teil. Die Umwelt wird von dem Programm "Selbsterhaltung" und dem Programm "Selbstentfaltung" konstruiert. Auf diesen Gesichtspunkt weist der Konstruktivismus (von Foerster, Watzlawick) hin.

Affekte haben eine Signalwirkung und sind Informationen. Sie können ganz grob unterteilt werden in positive und negative Signale. Signale aus der Umwelt und Umweltveränderungen, die das Überleben in Frage stellen, werden mit Angstgefühlen, Unlustgefühlen und anderen negativen Gefühlsqualitäten belegt. Gefühle und Affekte sind Mittel der Gene, menschliches Verhalten zu steuern. Sie haben vermutlich eine chemische Grundlage, was allerdings erst beim Sexualtrieb bewiesen ist (hormonelle Steuerung).

Konstellationen und Ereignisse, die die Selbsterhaltung sichern oder Selbstentfaltung ermöglichen, werden mit Lustqualitäten und Verlangensqualitäten gekennzeichnet.

Die Steuerung des Verhaltens lebender Systeme geschieht mit Hilfe dieser Gefühle, die beim Menschen zwar bewusstseinsfähig sind, die aber eine biologisch-genetische (chemische) Wurzel haben.

Zur Grobeinteilung erscheint es sinnvoll, zwei Grundqualitäten zu unterscheiden, nämlich die narzisstische Befriedigung und die narzisstische Kränkung.

Das Selbst-System (Deneke, 1989; Mentzos, 1984) möchte ich durch sein Ziel definieren, Selbsterhaltung und Selbstentfaltung zu sichern, ähnlich wie das System der Blutdruckregulierung sich auf die Aufrechterhaltung eines Blutdrucks spezialisiert hat. Was im Regelkreis der Blutdruckaufrechterhaltung die Barorezeptoren sind, die Abweichungen vom Sollwert signalisieren, sind im Selbstsystem die Gefühle narzisstischer Befriedigung und Kränkung, die dem Selbst die Zufuhr und den Entzug narzisstischer Befriedigung anzeigen. Drohende Unterschreitung einer erforderlichen Untergrenze an narzisstischer Befriedigung wird mit Angst registriert, die sich zur Panik steigern kann. Beeinträchtigungen der körperlichen Unversehrtheit werden durch Schmerz angezeigt. Schmerzvermeidung ist ein wichtiger Verhaltensregulator.

Narzisstische Befriedigung benötigt der Mensch ständig, ähnlich wie er ständig essen und trinken muss. Die Zufuhr eines bestimmten Quantums narzisstischer Befriedigung ist ständig erforderlich. Die Aufrechterhaltung dieses "narzisstischen Gleichgewichts" ist grundlegender und bedeutender als die Befriedigung sexueller Bedürfnisse.

Die Erklärung des von der Psychoanalyse gefundenen Verdrängungsvorganges ist unter Zugrundelegung dieser theoretischen Vorstellungen sehr einfach: sexuelle Triebwünsche werden dann verdrängt, wenn ihre Befriedigung zu einer Destabilisierung des Selbst-Systems führen würde.

Sigmund Freud hat erkannt, dass neurotische Symptomatik aus der Abwehr sexueller Regungen resultiert und hat postuliert, dass für den Knaben die Kastrationsdrohung - auch wenn sie nur phantasiert oder theoretisch für möglich gehalten wird - ausschlaggebend dafür ist, dass die auf die Mutter gerichteten sexuellen Wünsche in das Unbewusste verdrängt werden.

Dies ist aus meiner Sicht ein Beispiel dafür, dass die Aufrechterhaltung des Selbst-Systems stärker ist als die Befriedigung sexueller Wünsche. Eine Kastration stellt ja eine erhebliche Beeinträchtigung der körperlichen Unversehrtheit dar. Erheblich deshalb, weil auch die männliche Identität von diesem Eingriff betroffen wäre.

Eingriffe in die körperliche Unversehrtheit signalisiert das Selbst-System durch Schmerzempfindung. Das Selbst-System verfügt über eine gründliche evolutionäre Erfahrung im Erkennen von Situationen, die zu einer Beeinträchtigung der körperlichen Unversehrtheit führen können und eine Bedrohung der Selbsterhaltung darstellen. Vermeidung von Schmerzreiz ist ein wesentliches Handlungsmotiv. Darüber hinaus wäre eine Kastration auch mit erheblichen seelischen Schmerzen, einer starken narzisstischen Kränkung, verbunden.

Bevorstehender seelischer Schmerz wird durch Angst signalisiert. Bei drohender Destabilisierung des Selbst-Systems kann Panik auftreten. Durch einen derartigen Akt (Kastration) würde das Selbst-System in die Gefahr der Destabilisierung geraten. Die Regelgrenzen für die narzisstische Befriedigung würden unterschritten werden. Deshalb reagiert ein lebendes System in einer derartigen Situation, wo die Möglichkeit einer sexuellen Befriedigung gegen die Möglichkeit einer narzisstischen Kränkung abgewogen werden muss, mit der Verdrängung der sexuellen Wünsche.

Zum Glück sind derartige Situationen sehr selten. Zu Freuds Zeiten befanden sich Knaben vielleicht häufiger in einer derartigen Konfliktsituation, in der sexuelle Befriedigung gegen narzisstische Befriedigung (bzw. mögliche Kränkung) abgewogen werden musste.

Dazu noch ein Wort: häufiger ist sicher schon immer die narzisstische Befriedigung als Handlungsmotiv gewesen. Der Sohn (und die Tochter) wird ja von seinen Eltern mit narzisstischer Befriedigung für sein "braves" Verhalten belohnt. Zuwendung, Lob, körperliche Wärme, Zärtlichkeit sind narzisstische Befriedigungsmöglichkeiten, die das Kind sucht und in der Regel von seinen Eltern erhält, wenn es sich so verhält, wie seine Eltern es sich wünschen.

Über diese narzisstische Befriedigung (Selbst-Bestätigung) wird die Entwicklung des Kindes von den Eltern gesteuert, auch wenn diese keine bewussten Erziehungsziele verfolgen. Die Erziehung durch Bestrafung (durch narzisstische Kränkung) hat einen sehr viel geringeren Stellenwert.

Der Organismus (ein lebendes System) verhält sich nach dem Prinzip der Unlustvermeidung und der Optimierung des Lustgewinns. Alle Gefühle und Gefühlsqualitäten, die empfunden werden, wenn der Organismus (das lebende System) sich einem Zustand größerer Optimierung der Selbsterhaltung oder der Selbstentfaltung annähert, werden als narzisstische Befriedigung bezeichnet.

Auf den Menschen angewendet: Bestätigung durch Lob, Anerkennung usw. verschafft narzisstische Befriedigung.

Tadel, Strafe usw. sind narzisstische Kränkungen bzw. Kränkungserlebnisse des Narzissmus mit ihren unterschiedlichen Gefühlsqualitäten wie Enttäuschung, Ärger, Zorn usw..

Die Psychoanalyse hat auch andere, nicht-sexuelle Wünsche in ihr Theoriegebäude aufgenommen. Hier sind die analen "Trieb"-Qualitäten wie Schmutzlust und Behaltenwollen zu nennen, die eine Beziehung zum Zwangscharakter haben, den bereits Freud eingeführt und durch Geiz, Ehrgeiz, Genauigkeit, Pünktlichkeit usw. charakterisiert hat. Des weiteren das Streben nach Besitz, das Saugen und Greifen (orales Antriebsgebiet).

Manche Schulen betonen den Gemeinschaftssinn, das Machtstreben, andere heben zur Erklärung bestimmter seelischer Krankheiten das Intentionale oder das Neugierverhalten hervor. Besonders intensiv und kontrovers diskutiert ist der Bereich der Aggressivität.

Leider stehen die Vertreter der psychoanalytischen Schulen unter dem Zwang des theoretischen Grundsatzes, dass alle diese Wünsche und Antriebe als "Triebe" klassifiziert werden müssen, was ihnen anscheinend den Blick für die Realität verbaut.

Die beschriebenen Antriebsqualitäten und Wünsche sind offensichtlich nicht sexueller Natur, sondern sind Teil der narzisstischen Wünsche und Befriedigungen. Greifen, sich etwas aneignen, auch Aggressivität zur Sicherung und Erweiterung des vom Selbst beanspruchten Gebiets, lassen sich zwanglos als narzisstische Wünsche nach Selbstbestätigung und Selbstentfaltung identifizieren und dienen der Ökonomie des Selbst-Systems. Ebenso ist es mit dem Streben nach Einfluss, Macht, dem Ehrgeiz und dem Erfolgsstreben.

Beispielsweise ist der in der psychoanalytischen Literatur verwendete Begriff "orales Antriebserleben" in dieser Sichtweise nicht etwa als eigener Antriebsbereich und auch nicht als Partialtrieb der Sexualität anzusehen, sondern als ein Verlangen, das der Selbsterhaltung und der Selbstentfaltung dient und dementsprechende Verhaltensweisen nach sich zieht. Sind diese Verhaltensweisen erfolgreich - wird also gegessen oder Geld erworben - so erlebt der Organismus narzisstische Befriedigung (Sättigungsgefühl, Wohlerleben, Freude usw.). Ein "oraler Durchbruch" - zum Beispiel eine Diebstahlshandlung - ist nicht ein sexuelles Geschehen, wie die Psychoanalyse meint, sondern der Versuch, durch die Aneignung fremden Eigentums das Selbstwertgefühl zu steigern und das bedrohte narzisstische Gleichgewicht zu stabilisieren.

In der forensischen Praxis ist mit derartigen Fehlhandlungen auch häufig ein Imponieren vergesellschaftet (entweder direkt durch die Tat oder durch den entwendeten Gegenstand bzw. das gestohlene Geld), das noch direkter den Zusammenhang zur narzisstischen Befriedigung zeigt.

Die psychoanalytische Theorie operiert auch mit dem Begriff des "Es", der der Sitz des Triebhaften sei. Die Vorstellung einer derartigen psychischen Instanz scheint mir sehr sinnvoll, allerdings ist der sexuelle Trieb nur ein geringer Teil dessen, was dort anzusiedeln ist, hauptsächlich handelt es sich um Wünsche, Antriebe und Bedürfnisse, deren Befriedigung - oder auch Hemmung - das narzisstische Gleichgewicht reguliert.

Im Unterschied zur Sexualität benötigt der Mensch ständig eine gewisse Zufuhr an narzisstischer Befriedigung. Diese ist lebensnotwendig wie die Zufuhr von Sauerstoff und Wasserstoff (Nahrung). Es muss ständig ein unterer Sollwert an narzisstischer Befriedigung vorhanden sein.

Insofern könnte man sagen, es besteht eine naturgegebene Abhängigkeit von narzisstischer Befriedigung. Nach oben hin ist die Zufuhr wohl offen, so dass man sagen könnte, dass der Mensch ein Wesen ist, das potenziell süchtig nach narzisstischer Befriedigung ist.

Die Wirkung vieler Drogen ist wohl tatsächlich die, narzisstisches Befriedigungsgefühl auf chemischem Weg zu erzeugen, womit die mehr oder weniger große Suchtpotenz der Mittel erklärlich wäre.

Auch nicht stoffgebundene Süchte (vor allem die Arbeitssucht, die Nymphomanie, aber auch die Spielsucht, vielleicht auch die Kleptomanie und die Pyromanie) stellen wohl ein Fehlverhalten dar, das mit narzisstischer Befriedigung verbunden ist (aber eben nicht mit sexueller Befriedigung).

Das Erfordernis narzisstischer Befriedigung ist auch - anders als der Sexualtrieb - nicht verdrängbar. Während auf sexuelle Befriedigung verzichtet werden kann, weshalb sexuelle Wünsche verdrängt werden können, kann auf narzisstische Befriedigung nicht verzichtet werden.

narzisstische Wünsche können nicht verdrängt werden.

Selbst Psychoanalytiker, die sich intensiv mit dem Thema Narzissmus befasst haben, sind zu dem Ergebnis gekommen, dass "narzisstische Neurosen" nicht analysierbar sind, da sie zu Übertragung unfähig sind (Kohut).

Besser wäre es, erst gar nicht von "Neurosen" zu sprechen, da narzisstische Wünsche nicht verdrängt werden können. Es handelt sich bei narzisstischen Krankheiten nie darum, dass etwa Angebote an narzisstischer Befriedigungsmöglichkeit aufgrund einer Gehemmtheit abgelehnt werden, sondern stets um einen Mangel an narzisstischer Befriedigungsmöglichkeit bzw. um narzisstische Kränkungen, die zu Symptomatik führen.

Auf narzisstische Befriedigung kann nicht verzichtet werden.

Dies stellt Menschen, die in ihrer frühen Kindheit Mangelsituationen an narzisstischer Befriedigung ausgesetzt sind und unter narzisstischen Kränkungserlebnissen zu leiden haben, vor ein schweres Problem. Aus derartigen Mangel- oder Leidenssituationen resultieren - wenn der Betreffende überlebt - in der Regel sehr schwerwiegende Krankheitserscheinungen oder andere Fehlverhaltensweisen.

Um zu überleben (die Selbsterhaltung ist in diesen Fällen stärker), ändern diese Menschen bisweilen ihre normalen Voraussetzungen zum Empfinden narzisstischer Befriedigung. Sie polen sozusagen die Voraussetzungen um: aus dem Erleiden von Schmerz wird narzisstische Befriedigung gezogen. Man könnte von der Jesus-Methode sprechen. Aus dem passiven Schmerzerleiden wird ein aktives Schmerzerleiden gemacht. Da gibt es die Varianten: ich erbringe ein großes Opfer und ich bin der größte im Ertragen.

Die Betroffenen leiden später an Selbstbeschädigungshandlungen, begehen bisweilen so lange Suicidversuche, bis einer klappt.

Eine weitere Lösungsmöglichkeit besteht darin, sich mit dem Bösen zu identifizieren und später andere zu quälen oder zu misshandeln.

Auch die Rache-Haltung mit späterer kompensatorischer Überbetonung der narzisstischen Befriedigung ist denkbar. Depressive Erkrankungen sind häufig, häufig sind auch Suchterkrankungen. Auch die Flucht aus der Realität durch psychotische Symptomatik ist so denkbar.

Vor allem gibt es eben nicht nur Verarbeitungsweisen in Richtung eines Verhaltens, das als krank gilt, sondern besonders kriminelles Verhalten kann der Befriedigung narzisstischer Defizite dienen.

Die Deregulierung des Selbst-Systems der menschlichen Individuen führt zu Verhaltensweisen, die von System "Staat" als krank oder kriminell definiert werden und dementsprechend sanktioniert werden. Dies ist erforderlich, um das System höherer Ordnung, den Staat, nicht zu destabilisieren. Beispielsweise befürchtete die DDR (Deutsche Demokratische Republik) eine Bedrohung ihrer Existenz bereits durch Individuen, die nicht einer regelmäßigen Tätigkeit nachgingen, was bei manchen seelischen Krankheitszuständen der Fall sein kann, und schuf den Straftatbestand des "asozialen Verhaltens".

Die Anwendung körperlicher Gewalt sollte eigentlich das letzte (archaische) Mittel sein, das zu einer Herstellung des narzisstischen Gleichgewichts durch Befriedigung des Selbstentfaltungsstrebens führt. In der Regel sollte es auch ein erfolgloses Mittel sein.

Die in Form von Strafgesetzen festgelegten Straftatbestände und die daraus resultierenden Sanktionen der Gemeinschaft haben gerade den Sinn, die Erfolglosigkeit derartiger direkter aggressiver Handlungsstrategien zu garantieren (negative Rückkopplung).

Delinquentes Verhalten resultiert in erster Linie aus einer Situation zu geringer narzisstischer Befriedigung. Es handelt sich in der Regel um Menschen mit geringem Bildungsgrad, geringer beruflicher Qualifikation und geringem Einkommen, kurz gesagt: mit reduzierten Möglichkeiten narzisstischer Befriedigung.

Hieran sieht man auch den engen Zusammenhang zwischen narzisstischer Befriedigung und Geldbeutel bzw. Bankkonto. Eigen-tum gehört zum Selbst fast wie der eigene Körper. Die Wohnung und andere materielle Dinge gehören zu mir. Das eigene Selbst kann vergrößert werden durch das Eigen-tum. Das, was mir gehört, gehört zu meinem Selbst und stärkt mein Selbstwertgefühl, stabilisiert mein Selbst-System.

Der Geschlechtsunterschied ist vor allem der, dass Männer durch Arbeit und Leistung ihre Geld- und Besitzmenge vergrößern und damit ihren Selbstwert regulieren, während Frauen dies immer noch in erster Linie durch geschickte Heirat tun können und dafür ihre äußere Attraktivität benötigen.

Dies führt in Versagungssituationen und Scheitern der erhofften narzisstischen Befriedigungen zu spezifischen seelischen Krankheitszuständen, die aber hier nicht Thema sind.

Straftaten werden hingegen eher auf dem Hintergrund mangelnder Möglichkeiten narzisstischer Befriedigung begangen.

Bereicherungstaten (Diebstahl, Betrug usw.) wurden bereits angesprochen. Auch die Bezeichnung Eigentumsdelikte ist unter Berücksichtigung narzisstischer Bedürfnisse sehr bezeichnend. Auch bei Aggressionsdelikten (Körperverletzung, Totschlag und Mord) geht es häufig um die Befriedigung narzisstischer Wünsche, deren Befriedigung durch "das Leben" versagt ist. Die Ausgangsvoraussetzungen, das soziale Milieu, aus dem der Täter kommt, lassen eine Befriedigung narzisstischer Wünsche nach Anerkennung, Bestätigung kaum zu, das Selbst existiert auf einem sehr geringen Niveau. Der Täter hat bisweilen nicht einmal eine Arbeitsstelle, manchmal nicht einmal eine eigene Wohnung, häufig sogar Schulden. Das einzige, was zur Befriedigung beiträgt, ist die Partnerschaft und die mit ihr verbundene Sexualität, die ja in dem Fall nichts kostet.

In dieser Situation, die bei Straftätern nicht selten zu finden ist, hat die Sexualität eine stabilisierende Funktion für das narzisstische Gleichgewicht: sexuelle Betätigung dient hier nicht nur der sexuellen Befriedigung, sondern darüber hinaus der Befriedigung narzisstischer Wünsche nach Anerkennung, Selbstbestätigung usw.. Das chronische Defizit an narzisstischer Befriedigung wird kompensatorisch durch Überbetonung der Sexualität notdürftig ausgeglichen. Sexualität dient hier der Ersatzbefriedigung nicht erlebter narzisstischer Befriedigung. Dies ist wohl häufiger als allgemein angenommen wird und ist ein sehr wichtiger Mechanismus, der der Stabilisierung des sozialen Systems dient. Gäbe es die (kostenlose) Sexualität nicht mit ihrer Möglichkeit der (Ersatz)Befriedigung narzisstischer Wünsche, würde dies zur Beschleunigung sozialer Konflikte führen und die Gefahr einer Destabilisierung des Gesellschaftssystems erhöhen.

Im Einzelfall ist es jedenfalls häufig so, dass eine befriedigende Partnerschaft einen Mangel an narzisstischer Befriedigung zu kompensieren vermag - das narzisstische Gleichgewicht ist gerade am unteren Rand seiner Regelwerte stabilisiert. Geht der Partner nun fremd und entzieht dem potenziellen Täter dadurch den Rest seiner narzisstischen Befriedigung, kommt es zu einer Dekompensation. Dies kann zu katastrophalen Folgen führen wie Selbstmordhandlungen oder Mordhandlungen.

Soweit der theoretische Überblick. Für bestimmte Delikte können unter Beachtung des narzisstischen Gleichgewichts bzw. der Dynamik des Selbst-Systems wahrscheinlich relativ spezifische Konstellationen gefunden werden. Ich denke z.B. an Ladendiebstähle bei verheirateten Frauen im Klimakterium bzw. in der Postmenopause, oder auch an Morddelikte bei chronisch schwelendem "Partner"konflikt. Auch die Umsetzung narzisstischer Kränkungen im Berufsleben in chronische Schmerzzustände und Nervenwurzelreizsymptomatik ist interessant.

Ein weiteres Thema ist die Wahl der Lösung der Mangelsituation: Mangel an narzisstischer Befriedigung kann in einem Fall zu depressiver Symptomatik führen, im anderen Fall zu Straftaten.

 

Rudi Zimmerman: Philosophie lebender Systeme. 172 Seiten. 15,- Euro

zu bestellen bei: rudi@philosophie3000.de

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